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ISSN 1214-8725
Èíslo/Roèník/Rok: 1–2/IV/2007 - Spring 2007

Die Gewalt der Gesellschaft und die Gewalt des Sports – Soziologische Anmerkungen zum Thema Sport und Gewalt (Conference paper)

Autor: Bernhard Boschert
Abstract: Násilí ve spoleènosti a násilí ve sportu – sociologické poznámky k tématu násilí a sport. (Referát) – Souèasné pojetí organizovaného sportu dává legitimitu i násilí ve sportu. Je to podobná situace jako v souèasné konkurenèní spoleènosti. Jde o volné prosazování fyzického násilí, vyzaøování konfliktní atmosféry, nepøátelství, které se vyjadøuje nejen gesty, ale projevuje se také v pøedstavách a v pøáních vedoucích k násilí. Nejmarkantnìjší je to v boxu a bojových sportech, kde složení soupeøe k zemi, jeho „pøeválcování“ je pøímo v pravidlech konkrétního sportu. V perspektivì výzkumu násilí a konfliktù v moderní spoleènosti bude nutné vìnovat pozornost i této stránce sportu.

Keywords: e Gewalt, e Gesellschaft, r Sport, e soziologische Erforschung

 

Klíèová slova: násilí, spoleènost, sport, sociologický výzkum

 

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(Pozn. ed.: Pøíspìvek byl pøipraven pro mezinárodní konferenci Násilí ve výchovì, umìní a sportu, která se konala na Pedagogické fakultì UK v Praze 4. kvìtna 2006.)

 

1997 hat Niklas Luhmann, vielleicht der bedeutendste Soziologe des 20. Jahrhunderts, sein monumentales Lebenswerk mit einer Gesellschaftstheorie gekrönt. Zu dem zunächst etwas befremdend anmutenden Titel dieses zweibändigen Werkes, Die Gesellschaft der Gesellschaft, hat sich Luhmann offenbar selbst genötigt gesehen, eine Erklärung abzugeben. Der Hintergrund dieses Titels ist demnach das Programm einer soziologischen Theorie, die ihre Gegenstände konsequent als Konstruktionen im Rahmen der Differenzierungsbedingungen eines sozialen Systems auffasst. Die Theorie der Gesellschaft, so Luhmanns entsprechendes erkenntnistheoretisches Credo, ist in dieser Perspektive Teil der Gesellschaft, über die sie spricht, verändert diese, indem sie spricht und ist deshalb nicht in der Lage Wahrheitsansprüche aus einer wie immer gedachten Außenperspektive zur Gesellschaft formulieren zu können. [1]

 

Wenn ich meinen Vortrag darauf anspielend mit dem Titel Die Gewalt der Gesellschaft überschrieben habe, so ist damit also nicht nur jene Gewalt gemeint, die die Gesellschaft ausübt. Johann Galtung (1975) hat dieser Perspektive mit dem Begriff der „strukturellen Gewalt“ ihre prominenteste Figur gegeben. Gemeint ist vielmehr auch, dass eine Gesellschaft nicht nur ihre je eigenen Gewaltformen und Gewaltlogiken hervorbringt, sondern dass das, was über Gewalt gesagt wird, wie sie wahrgenommen, erlebt und gedeutet wird, zugleich von der Ordnung der Gesellschaft bestimmt ist, in der sie sich ereignet und in deren Kontext sie folglich auch nur verstanden werden kann. [2]

 

Norbert Elias (1996) spricht in diesem Sinne von „Mythologien“, die wir über die Gesellschaft selbst oder Phänomene des Gesellschaftlichen wie beispielsweise die Gewalt bilden. Gewalt ist in der Konsequenz dieses Ansatzes etwas prinzipiell Relationales und das in mehrer Hinsicht, nicht nur insofern, als wir nicht ohne ein Bezugssystem über Gewalt sprechen können, sondern auch in der Hinsicht, dass Gewalt jeweils nur als relationales Verhältnis begriffen werden kann. [3]

 

Elias gehört nicht zu den Soziologen, die das Thema Gewalt in ihrer Theorie nur am Rande streifen. Er weist den Mechanismen der sozialen Erzeugung und Beherrschung von Gewalt vielmehr eine bedeutende Rolle für die Entstehung und das Funktionieren einer Gesellschaft zu. Und es ist nicht zuletzt dies der Grund, wie noch zu zeigen sein wird, der Elias’ besonderes Interesse am Sport verständlich macht.

 

Welche konstitutive Rolle der Gewalt und ihrer Beherrschung in der Entwicklung des Sozialen zukommt, macht Elias an einem Modell, der fiktiven Geschichte einer Auseinandersetzung zwischen zwei kleinen Stämmen in einem Urwaldgebiet deutlich. Diese kommen sich gegenseitig auf der Suche nach Nahrungsmitteln in die Quere. „Aus Gründen, die beiden undurchsichtig bleiben“, wird die Jagd für sie seit einiger Zeit immer „weniger ergiebig“, die Suche nach Wurzeln und wilden Früchten immer schwieriger. Umso stärker bilden sich „Konkurrenz und Feindschaft zwischen beiden Stämmen“ heraus. (Elias 1970: 79) Das Ganze mündet schließlich in einen Kreislauf der Gewalt, in den sich die beiden Stämme in einen Kampf auf Leben und Tod verstricken: „Die kleineren Leute des Stammes A (...) schleichen sich nachts an das Lager der anderen heran, töten im Dunkeln den einen oder anderen und verschwinden leichtfüßig, wenn deren Stammesangehörige, die langsamer und schwerfälliger sind, sie zu verfolgen suchen. Die letzteren rächen sich einige Zeit darauf. Sie töten Kinder und Frauen der anderen, wenn die Männer auf der Jagd sind.“ (Elias 1970: 80).

 

Elias’ Modell markiert jenen Grenzfall, in dem sich wie in einer Weichenstellung entscheidet, ob es den beiden Stämmen, die im Strudel der Gewalt zu versinken drohen, gelingt, ihre Beziehung zueinander zu regulieren und ihre Not und Energie in den Aufbau einer gemeinsamen, gesellschaftlichen Ordnung zu überführen oder ob ihr Konkurrenzverhältnis in Bezug auf knappe Nahrungsressourcen sie in die Raserei der Gewalt führt, deren Fluchtpunkt das Chaos und ihre gegenseitige Vernichtung ist.

 

Solche Prozesse konkurrierenden Begehrens um knappe Güter, aus denen ein unendlicher Kreislauf zerstörender Gewalt und Gegengewalt hervorgeht, beschreibt auch René Girard (1987) in seinen Arbeiten über „das Heilige und die Gewalt“. Die Durchbrechung der Eskalation der Gewalt durch die Herstellung einer sozialen Ordnung gelingt in der Perspektive Girards mit der Inthronisierung des Stellvertretermechanismus. Eine Strategie, die freilich ihrerseits in den circulus vitiosus von Menschenopfer, immer neuer Schuld und erneuter Entlastungssuche in der Wiederholung des Opferrituals, in einen „Opferzyklus“ mündet, wie Macho anmerkt (1993: 152).

 

Wie Girard, der den Opferritus als den Versuch der Unterbrechung der Gewalteskalation identifiziert, geht es Elias mit seinem Beispiel einerseits darum, in der Form der sozialen Ordnung den Mechanismus der Beherrschung der Gewalt zu identifizieren und umgekehrt die Beherrschung von Gewalt als konstitutiv, gleichsam als die conditio sine qua non gesellschaftlicher Ordnung überhaupt aufzuzeigen. [4]

 

Die Beherrschung der Gewalt muss dabei mehreren Anforderungen genügen. Zum einen geht es um die Kontrolle der Gewalt nach außen, der Gewalt zwischen zwei autonomen, miteinander rivalisierenden sozialen Gruppen, wie es in dem genannten Beispiel die zufällig aufeinander treffenden Stämme sind oder etwas zeitgemäßer, die Auseinandersetzungen zwischen zwei rivalisierenden Staaten sein könnten. Und zum anderen geht es aber auch um die Gewaltkontrolle nach innen, innerhalb einer sozialen Gemeinschaft, die eine Hemmung der Gewalt gegen Mitglieder der Gemeinschaft selbst durch soziale Regeln und Gesetze erzwingt und von den Individuen ein ihrer sozialen Verflechtung und ihrer gegenseitigen Rücksichtsnahmeerfordernissen entsprechendes Maß an Regulierung ihrer Affekte und Emotionen verlangt.

 

In diesem Sinne ist zugleich die Ausbildung von Selbstkontrollmechanismen in Bezug auf gewalthafte Impulse eine Bedingung der Möglichkeit des sozialen wie individuellen Lebens und Überlebens: Ein Mensch könnte als Individuum nicht überleben, wenn er nicht zugleich über die natürliche Fähigkeit verfügte „spontane Impulse“ zu modellieren und „auf verschiedene Art und Weise mittels erlernter Gegenimpulse zu kontrollieren, aufzuschieben und umzuformen“ (Elias 2003: 116). Und umgekehrt, das ist sozusagen nur die andere Seite der Medaille, repräsentiert die in einer Gesellschaft praktizierte Ökonomie der Selbstkontrolle deren jeweiligen Organisierungsgrad, ist Kristallisationspunkt einer bestimmten Qualität der gesellschaftlichen Ordnung, verkörpert gewissermaßen ihre Struktur und gerät deshalb nicht zufällig ins Visier des soziologischen Erkenntnisinteresses. Elias behandelt Gewalt in diesem Sinne als eine Schlüsselkategorie des Sozialen. [5]

 

Um die Spezifik, Charakteristik und die Prozesshaftigkeit des Gewaltphänomens deutlich werden zu lassen, verfolgt Elias einen entwicklungstheoretischen Ansatz (Vgl. 2003: 47). In dieser historische und strukturelle Unterschiede und Entwicklungsrichtungen herausarbeitenden Perspektive stellt Elias allgemein fest, „dass Mitglieder früherer Gesellschaften eine niedrigere Gewaltschwelle haben als Mitglieder späterer Gesellschaften“ (2003: 57). Je komplexer und differenzierter dabei eine Gesellschaft strukturiert ist und je intensiver sich das Netz der wechselseitigen Abhängigkeiten der Individuen voneinander knüpft, desto höher müssen auch die Standards der Gewaltbeherrschung und die Kontrollinstanzen in den Individuen ausgebildet sein und sich dies in einem entsprechenden „Habitus der Menschen wiederspiegeln“ (2003: 68), die diese Gesellschaft mit ihren Handlungen ausmachen. [6]

 

Historisch hat dieser äußere und innere Pazifizierungsprozess in modernen Gesellschaften zu einem staatlichen Gewaltmonopol und einer Fähigkeit der Individuen geführt, Interessenkonflikte in erster Linie durch „gewaltlose Mittel und in Übereinstimmung mit vereinbarten Regeln“ (2003: 55) auszutragen, so dass sich die Gewaltbedrohung der Menschen im Alltag deutlich verringert hat. [7]

 

Zu dieser gesamtgesellschaftlichen Entwicklung verhält sich der Sport in zweifacher Weise: Er nimmt an ihr zunächst einmal in der Weise teil, dass er in den großen Trend der langfristig zu beobachtenden, allgemeinen gesellschaftlichen Zurückdrängung von Gewalt und einer wachsenden Sensibilisierung gegenüber der Gewalt eingebunden ist. Dies macht Elias an der Genese des modernen Sports klar. Genaugenommen entsteht der Sport als ein eigenständiger, relativ autonomer, unverwechselbarer Handlungsbereich hochgradig regulierter Formen von Wettkampfspielen und Körperertüchtigungen erst im 19. und 20. Jahrhundert. Ursprünglich als ein Zeitvertreib der englischen Oberschicht in Erscheinung tretend, avanciert er in der Folge in kürzester Zeit zum Vorbild und Namensgeber für eine weltweite Form der Freizeitbewegung.

 

Geht es Elias einerseits darum, die gravierenden Differenzen und Besonderheiten der modernen Freizeitbeschäftigungen in Bezug auf frühere Formen der Körperertüchtigung und Wettkampfspiele herauszuarbeiten, [8] so macht er anderseits deutlich, dass diese, sich hinsichtlich ihres Regulierungsgrades, ihres gesellschaftlichen Kontextes und Funktionszusammenhangs unterscheidenden Formen sportlicher Betätigungen zugleich ihren Kristallisationspunkt im Verhältnis zum jeweiligen Maß der zulässigen Gewalt finden.

 

In dieser Hinsicht sind beispielsweise jene sich im Zusammenhang der antiken griechischen Stadtstaaten entwickelnden Formen von Wettkämpfen noch durch ein deutlich höheres Maß an physischer Gewalt gekennzeichnet. Das verdeutlicht Elias drastisch am Beispiel der antiken Olympiaden.

 

So unterschied sich „das Maß der zulässigen Gewaltanwendung des traditionellen Pankration-Zweikampfes“ (Elias 2003a: 245) beträchtlich von dem des heutigen Freistilringens: „Man kämpfte beim Pankration mit jedem Teil des Körpers, mit Händen, Füßen, Ellenbogen, mit Knie, Hals und Kopf, bei den Spartanern sogar mit den Zähnen. Ja, es war gestattet, dem Gegner die Augen auszudrücken (...) Beim Allkampf war ferner das Unterschlagen des Beines erlaubt, auch durfte man Füße, Nase oder Ohren des Gegners erfassen, die Finger und Arme ausrenken, den Gegner würgen. War es einem Pankratisten gelungen, den Gegner auf den Boden zu werfen, so konnte er sich auf ihn setzen; gegen dessen Kopf, Gesicht und Ohren schonungslos Schläge richten, ihn stoßen, ja auf ihm herumtreten. Es ist selbstverständlich, dass bei diesem rohen Kampfe die furchtbarsten Verwundungen vorkamen, ja oft hatten die Kämpfe tödlichen Ausgang.“ (Drees, zit. nach Elias 2003a: 246)

 

Sind die in den jeweiligen Wettkämpfen sozial zulässigen Standards der Gewalt somit gleichsam Vollzug und ideales Einübungsfeld in die gültigen Gewaltstandards der jeweiligen Gesellschaftsformation, so stehen sie zu den sie umgebenden sozialen Bedingungen zugleich in einem spezifischen Funktionsverhältnis.

 

Für die moderne Gesellschaft macht Elias dies an der Tatsache deutlich, dass die Anforderungen, des Zusammenlebens, die eine gleichmäßige und ständige Eindämmung starker Affekte und Gefühle verlangen, einerseits eine ständige „Suche nach Erregung“ (Elias/Dunning 2003) erzeugen und anderseits selbst zu belastenden Anpassungsspannungen in den Individuen führen, die wiederum danach verlangen, ausgelebt werden zu können. In dieser Hinsicht übernimmt der Sport eine Art Komplementärfunktion. Mit dem Sport versucht die moderne Gesellschaft gleichsam das Paradox zu entparadoxieren, dass ihre Kontrollformen, die Gewalt und große Gefühlsschwankungen mehr und mehr aus dem Alltag verbannen sollen, offenbar selbst neue Konflikte, Gewaltpotentiale und Bedürfnisse nach Auslebung starker Gefühle erzeugen. Freilich soll dies durch den Sport in einem Modus geschehen, der für das Alltagsleben gerade ohne Konsequenzen bleibt. [9]

 

Mit der zentralen Bedeutung die der Sport dem Körper einräumt, hat dieser somit nicht nur eine besondere Nähe zur Gewalt. Vielmehr scheint sich die moderne Gesellschaft mit dem System des Sports auch einen Sonderbereich legitimer Gewaltentfaltung eingerichtet zu haben, einen Spiel-Raum gewissermaßen, in dem die Gesellschaft sich eine artifizielle Welt der Freisetzung von körperlicher Gewalt, der Austragung von Konflikten, Feindschaften und Konkurrenzen gestattet, somit nicht nur Bilder und Gesten von Gewalt produziert, sondern auch Gewaltphantasien und -wünsche fasziniert, wie ihre Ablehnung provoziert. [10]

 

Am offensichtlichsten wird das, wenn es um Kampfsportarten wie Boxen und Ringen geht, die eine Überwältigung des Gegners, ein Niederschlagen und Niederringen in ihrem Regelwerk vorsehen. In der Perspektive einer Konflikt- und Gewaltforschung wird man in Bezug auf die moderne Gesellschaft also nicht daran vorbei kommen, dem Sport besondere Aufmerksamkeit zu schenken. [11] Dies um so mehr als der Sport nicht nur eine für alle zugängliche Form legitimer Gewalt und Konfliktaustragung darstellt, sondern zugleich, das ist seine paradoxale Struktur, ein Modell ihrer gelungenen Beherrschung und Kontrolle beinhaltet. Ja man darf in dieser Hinsicht vielleicht sogar pointierter formulieren, dass die Freisetzung von Gewalt im Medium des Sports geradezu auf ihrer Beherrschung durch Einschließung in dessen Rahmen und Regelwerk beruht. Am Sport lässt sich deshalb paradigmatisch studieren, dass moderne Formen der Gewalt gerade nicht auf der Aufhebung wie immer gedachter Zivilisationsstandards beruhen, sondern vielmehr umgekehrt auf der Grundlage ihrer verinnerlichten Strukturen und der Dynamik ihrer spezifischen Logik entstehen.

 

Mehr noch: die kontrollierte Freisetzung und Beherrschung der Gewalt im Sonderbereich des Sports erweist sich somit nicht als Bedrohung und Zerstörung von Gesellschaft, sondern leistet vielmehr für deren Synthesis und Stabilität einen konstitutiven Beitrag, das zugleich der Binnenstruktur des Sports selbst entspricht, die ein Gegeneinander organisiert, das zugleich ein Miteinander zur Voraussetzung hat.

 

POZNÁMKY

 

[1] Vgl. zur erkenntnistheoretischen Problematik des Beobachters ausführlich Fuchs (2001).

 

[2] Vgl. zur Thematik der durch das sprachliche Symbolsystem konstruierten Gewalt auch den Band von Heiko Christians (1999) über den Schmerz. Elaine Scarrys (1992) Buch über die gleiche Thematik arbeitet demgegenüber gerade die Absolutheit schmerzhafter Gewalterfahrung heraus, gegen die sich keine symbolische Ordnung behaupten kann. Gewalt vernichtet, ihrer These zufolge, alle Kultur und Sprache und mündet vielmehr in die stumme Unmittel- und Unvermittelbarkeit des körperlichen Schmerzes.

 

[3] Das mag auch der Grund dafür sein, warum wir uns so schwer tun, eine einfache, prägnante und allgemeingültige Definition für das zu finden, was wir unter Gewalt verstehen wollen. Vgl. zur Definitionsproblematik in Bezug auf Gewalt die erhellenden Ausführungen von Löschper (1992).

 

[4] Für die Frage der Struktur der gesellschaftlichen Ordnung sind für Elias dabei nicht in erster Linie die Motive, Normen, Einsichten und Entscheidungen der Konfliktbeteiligten relevant, sondern ist vielmehr die Tatsache entscheidend, dass die beiden feindlichen Gruppen in einer funktionalen Beziehung zueinander stehen und insofern voneinander wechselseitig abhängig sind. Und dieses Abhängigkeitsverhältnis bzw. ihr wechselseitiger Funktionszusammenhang hängt wiederum eng mit einem spezifischen Machtverhältnis, einer spezifischen Machtbalance zwischen ihnen zusammen. Es ist diese Struktureigenschaft nun, die Verflechtung, die Figuration der Menschen, die in diesem Fall die beiden verfeindeten Stämme miteinander bilden, auf deren Grundlage ihre je spezifischen Handlungsakte entstehen und erklärt werden müssen sowie, Elias zufolge, auch nur verständlich werden können.

 

Jede Handlung des einen Stammes in diesem Konflikt bestimmt demnach die Handlungen des anderen und umgekehrt. Wie in einem Schachspiel ergibt sich daraus Zug um Zug ein Verflechtungsprozess, so dass die Struktur dieser Verflechtung, der Erklärungsgrund der je spezifischen Handlungen, auf den sich die Aktionen der beiden Stämme beziehen müssen, und von der diese Aktionen bestimmt werden, selbst ständig in Veränderung begriffen ist. Die Struktur sich also im Maße verändert, ja überhaupt erst existent wird, wie die Individuen diese Struktur durch ihre realen körperlichen Handlungen als einen von ihnen selbst erzeugten Handlungszusammenhang gleichsam erst mit Leben, Fleisch und Blut erfüllen und zugleich durch und durch von dieser Struktur bestimmt werden.

 

[5] Es mag an der Vorstellung liegen, dass der vermeintliche Konstitutionsakt gesellschaftlicher Ordnung, der Vertrag, gerade ein Ausschließungsverhältnis hinsichtlich der Gewalt beinhaltet, der die Soziologie sich mit dem Thema Gewalt dennoch schwer tun und sie als Ausnahme von der Regel behandeln lässt. Jedenfalls stellt Trotha (1997), sich dabei auf Mannheim und Arendt stützend, trotz Elias fest, dass es sich bei der Gewalt um ein ‚vernachlässigtes Thema‘ handelt. Es fehle speziell in der Soziologie ‚die theoretische oder systematische Analyse der Rolle der Gewalt und der Umstände ihres Auftretens‘, ja es gebe bei aller Flut der Veröffentlichungen in Wirklichkeit überhaupt keine soziologische Theorie der Gewalt, vielmehr nur eine Beschreibung ihrer Auswirkungen.

 

[6] Und umgekehrt ließe sich formulieren, dass die sozialen und psychischen Veränderungen, die Elias als einen zunehmenden Zivilisierungsprozess beobachtet jeweils im Verhalten zur Gewalt ihren Ausdruck finden.

 

[7] Hier wäre allerdings das Paradox anzumerken, dass sich die militärische Gewalt, zu der moderne Staaten in der Lage sind, gleichzeitig auf eine Potenz gesteigert hat, die jedes menschliche Maß und jede bisher existierende Gewaltbedrohung, denen Menschen je ausgesetzt waren, zu übersteigen scheint, insofern sie mit einer neuen Qualität, der Auslöschung aller Privatmenschen und sämtlicher Lebensgrundlagen drohen kann.

 

[8] „Bei näherem Hinsehen“, so Elias, „kann man unschwer feststellen, dass die Wettkampfspiele der klassischen Antike, die oft als das große Vorbild des Sports dargestellt werden, Merkmale aufweisen und sich unter Bedingungen entwickelten, die sie von denen unserer Wettkampfspiele deutlich unterscheiden.“ (2003a: 239)

 

[9] In dieser Hinsicht wäre der Sport der Kunst gleich, wobei die Realität, die er konstruiert, anders als beispielsweise die der Literatur keine bloße Phantasie bleibt, sondern vielmehr körperlich wird.

 

[10] Die Fragilität solcher kontrollierter Freisetzung von Gewalt zeigt sich freilich in der Form des Hooliganismus oder auch den Formen der Selbstschädigung beispielsweise durch Doping.

 

[11] Für Elias fungiert der Sport deshalb nicht zufällig als Paradebeispiel seiner Zivilisationstheorie. Was ihn auch seine soziologischen Einsichten und Methoden häufig an Beispielen aus der Welt des Sports erläutern lässt. Elias räumt dem Sport somit eine Paradigmen- und Indikatorfunktion in Bezug auf die Erkenntnis des Sozialen ein. Der Sport erschließt der Soziologie demnach das Verständnis einer sozialen Formation bzw. Figuration, wie Elias selbst formulieren würde: „Wir waren uns sehr bewusst, dass Wissen über den Sport gleichzeitig Wissen über die Gesellschaft ist.“ (Elias/Dunning 2003)

 

SEZNAM LITERATURY

 

Christians, Heiko (1999): Über den Schmerz. Berlin, Akademia.

 

Elias, Norbert: (1996): Was ist Soziologie? Weinheim und München, Juventa Verlag.

 

Elias, Norbert (2003) Einführung. In: Ders./Eric Dunning: Sport und Spannung im Prozeß der Zivilisation. Übersetzt von Detlef Bremecke, Wilhelm Hopf und Reinhardt Peter Nippert. Frankfurt a. M. Suhrkamp (= Norbert Elias: Gesammelte Schriften, Bd. 7). S. 42–120.

 

Elias, Norbert (2003a): Die Genese des Sports als soziologisches Problem. In: Ders./Eric Dunning: Sport und Spannung im Prozeß der Zivilisation. Übersetzt von Detlef Bremecke, Wilhelm Hopf und Reinhardt Peter Nippert. Frankfurt a. M. Suhrkamp (= Norbert Elias: Gesammelte Schriften, Bd. 7). S. 230–272.

 

Elias, Norbert/Eric Dunning (2003): Die Suche nach Erregung in der Freizeit. In: Dies.: Sport und Spannung im Prozeß der Zivilisation. Übersetzt von Detlef Bremecke, Wilhelm Hopf und Reinhardt Peter Nippert. Frankfurt a. M. Suhrkamp (= Norbert Elias: Gesammelte Schriften, Bd. 7). S. 121–168.

 

Fuchs, Peter (2001): Das Weltbildhaus und die Siebensachen der Moderne. Sozialphilosophische Vorlesungen. Konstanz. UVK.

 

Galtung Johann (1975): Strukturelle Gewalt. Beiträge zur Friedens und Konfliktforschung. Reinbek bei Hamburg. Rowohlt.

 

Girard, René. (1987): Das Heilige und die Gewalt. Aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh. Zürich. Benziger.

 

Löschper, Gabi. (1992): Definitionsschwierigkeiten. Oder: Eine Orientierungshilfe der Psychologie in den (semantischen) Nebelschleiern des Aggressionsbegriffes. Kriminologisches Journal 1/24/1992.

 

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bde. Frankfurt a. M. Suhrkamp.

 

Macho, Thomas (1993): Überlegungen zur Glücksspielsucht. In: Ursula Baatz/Wolfgang Müller-Funk: Vom Ernst des Spiels. Über Spiel und Spieltheorie. Berlin. Reimer. (= Reihe Historische Anthropologie; Bd. 8). S. 146–160.

 

Scarry, Elaine (1992). Der Körper im Schmerz. Die Chiffren der Verletzlichkeit und die Erfindung der Kultur. Autorisierte Übersetzung aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Frankfurt a. M. S. Fischer.

 

Trotha, Trutz von (1997): Zur Soziologie der Gewalt. In: Ders. (Hrsg.) Soziologie der Gewalt. Opladen. Westdeutscher Verlag (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Soziapsychologie; Sonderheft 37). S. 9–57.

 

(Dr. Bernhard Boschert pùsobí na Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin.)


 
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