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ISSN 1214-8725
Èíslo/Roèník/Rok: 3/VII/2010 - Summer 2010

Das Wahrheitsgeschehen und Selbstsein (Article)

Autor: Anna Hogenová
Abstract: Vyvstávání pravdy a problém toho, co zakládá jáství (Selbstheit). (Èlánek) – Èlánek se zabývá fenoménem „Selbst“ (samo) z fenomenologického hlediska. Problém pravdivosti našeho „Selbst“ (samo) je jedním z nejtìžších úkolù filosofie od jejího poèátku. „Selbst“ (samo) je tak blízko, že nemùže být zvìcnìno – zpøedmìtnìno. Z jeho podstaty vyplývá, že se mùže pouze sdílet v napìtí tázání.

Schlüsselwörter: Wahrheit, Selbst, Unverborgenheit, Fragen

 

Klíèová slova: pravda, samo, neskrytost, tázání

 

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Die Selbstheit ist tief unter unserer Ichheit, es geht um keinen Gegenstand, um keine Fassbarkeit in der Form, die eine Definition ermöglicht. Darum ist es so schwierig, hierher hinunter zu steigen und die Selbstheit gut kennen zu lernen. Selbst liegt so nahe, dass es uns keine gegenständliche Beschreibung seiner Struktur ermöglicht, es hat auch keine solche Struktur, deswegen kann man ans Selbst nur als an ein Phänomen und nicht als an eine Struktur oder ein System herangehen. Das Problem besteht in der Nähe, die mit uns selbst unmittelbar ist. Hegel würde sagen, dass dieses Selbst eine unmittelbare Bestimmung ist, die mit unserem Sein identisch ist. Es ist so nahe, dass es unmöglich ist, sich dessen genau und begrenzt bewusst zu werden, und trotzdem muss sich ihm nähren und „dessen Unverborgenheit zu ergreifen“.

 

Der eifersüchtige Othello kann von seiner Eifersucht nicht wissen. Seine Eifersucht und sein Selbst sind identisch, ohne Vermittlung. Ein Alkoholiker weiß von seiner Sucht nicht. Darum ist es vollständig unmöglich, hier die Logik zu benutzen. Die Logik ist hier völlig wertlos. Die Aufgabe der SeelenSorge ist es, bis auf den Kern von uns selbst zu kommen. Die Sorge um die Seele ist nichts anderes als die Sorge um die Wahrheit im Sinne der Unverborgenheit.

 

Die Wahrheit im Sinne der Unverborgenheit (ΑLÉTHEIA) ist immer der einfache Anfang alles Wesenden. „ΑLÉTHEIA – der einfache Anfang alles Wesenden,“ sagt Heidegger (1982: 199) in seiner beachtenswerten Schrift Parmenides. Wie gelangt man zur Wahrheit? Dies ist eigentlich die wichtigste Frage überhaupt. Die sämtliche Logik, die Allmählichkeit des richtigen Denkens, die Methodik und Didaktik sind in dieser Hinsicht nur unterstützende Mittel. Das Entscheidende ist es, zum Wahrhaften in die Nähe zu gelangen. Das ganze Problem besteht darin, diese „Nähe“ zu begreifen. Das Nahe ist das, was Heidegger das „Nächste“ nennt. Beim Verstehen dessen, was so nahe liegt, hilft uns kein System, keine Technik, keine Verifikation und Falsifikation. Von diesem Problem wusste bereits Platon. Das zu verstehen, das nahe ist und als ein Blitz kommt, deswegen hatte Heidegger auf seiner Hütte geschrieben „alles steuert der Blitz!“ (TA DE PANTA OIAKIZEI KERAUNOS).

 

Das größte Verständnis kommt zu uns wie ein „Räuber“, plötzlich, es überfällt uns! Das Problem besteht nicht nur darin, zum Problem in die Nähe zu gelangen, die der Blitz hervorruft. Das “Nächste ist schwerer zu erblicken.“ (Heidegger 1982: 201) Als ob der Psychotherapeut die einzige Aufgabe hätte, seinem Klienten zu helfen, in diese Nähe zu kommen, weil ihm diese Nähe die Unverborgenheit, d. h. die Wahrheit zeigt, die sich aus sich selbst heraus zeigt.

 

Was hindert uns? Uns hindert das Wahrnehmen mit den Sinnen, das immer vor unserer Entscheidung gesteuert ist. Deswegen sehen wir nicht das Licht, in dem alles Sinnliche zu erblicken ist. Das Licht ist das Nächste – das, was das „Nächste“ ist. Aber wir sehen kein Licht, wir sehen nur das, was sich im Licht zeigt, und dies ist das Seiende, die mit Sinnen wahrnehmbar sind. Uns hindert daran die Subjekt-Objekt-Figur unserer cartesianischen Selbstverständlichkeit.

 

„Weil das Nächste das Vertraulichste ist, bedarf es keine besonderen Aneignung.“ (Heidegger 1982: 201) Was bedeutet das? Das bedeutet nichts schwer Verständliches. Es geht nur darum, dass wir in einem solchen Moment eine vollständige Evidenz, Sicherheit erleben und kein Beweisen mit der Theorie der Gerichte brauchen. Hier ist nicht die Kausalität im Spiel, sondern die Verfügenheit. Die Fuge schließt uns durch das Sein selbst dem Gesuchten an, dieses Sein ist „inzwischen“.

 

Warum kann in der Implikation geschehen, dass das erste Glied unwahr und das andere wahr ist und trotzdem die ganze Implikation wahr ist? Fragen Sie die Logiker, Sie werden sie in Verlegenheit bringen. Meistens wird die Überlegung beim praktischen Umgang mit den Gerichten enden, die diese Wahrhaftigkeit beweisen. Aber diese Wahrhaftigkeit stützt sich nicht auf die Einsicht, sondern auf die Gewohnheit, und zwar noch auf eine Gewohnheit, wo uns die Praxis davon überzeugen muss. Und dies ist das größte Problem. Wenn man dem Klienten diese Wahrheiten vorlegt, glaubt er uns sowieso nicht, er kommt das nächste Mal einfach nicht mehr, wir haben ihn enttäuscht. Unsere Aufgabe ist es, ihn in die Nähe zu bringen, die das „Nächste“ ist. Und dies ist schon etwas anderes.

 

Die Nähe ist ein Problem. Sie zeigt sich nur an einem reinen Gegensatz. Sie verbirgt sich hinter Enthülltheit der Dinge und Beziehungen, die man benennen und auch irgendwie verifizieren kann. Die Analyse der Zelle verbirgt uns das Ganze ohne margo (ohne Ränder). Überall brauchen wir nur Vorstellungen und Gegenstände. Vorstellungen und Gegenstände verdecken uns die Nähe, darum brauchen wir einen „Schlag“ mit einem reinen Gegensatz. Nur dieser Schlag, dieser Schuss kann die Einsicht in der Form des Blitzes wecken. Das bedeutet, keine Rücksichten, die Wahrheit ist immer hart! Der Schock ist eine gute Therapie. Ein Schlag wie aus der Kanone!

 

Deswegen ist es gut, bis auf den Rand des Tages und der Nacht zu kommen, wie es Patoèka nannte, deswegen ist eine Erschütterung von der Nichtigkeit, vom Tod, von der Sinnlosigkeit notwendig. Darum sprach Patoèka oft von einer Gruppe von Erschütterten, deshalb war er davon überzeugt, dass die Gerechtigkeit in polis nur von diesen Menschen abhängt. Diese lassen sich nicht mehr vom Geld und vom Ruhm hinreißen, sie berührten die Nichtigkeit so, dass das Geld sowie der Ruhm auch nichtig sind. Und sie sind wirklich nichtig! Es ist nur nicht aus der Nähe, der ursprünglichen Nähe zu sehen. Man schaut auf si durch die anderen, denen man das beweisen will, was man sich selbst beweisen soll, falls man noch imstande wäre, von der eigenen Quelle zu leben. Eben diese Quelle ist so nahe, dass sie durch die Nähe verdeckt ist. Zur Quelle zu kommen, bedeutet das Einzige: darin zu strömen und davon zu wissen. Und dies ist nur in der Bewegung, in Strömung möglich.

 

Deswegen ist das Fragen die Frömmigkeit des Denkens. Deswegen ist die Sorge um die Seele das Verweilen in der Bewegung. Woraus entsteht die Bewegung? Sie entsteht daraus, was absolut alles ermöglicht – aus dem Wesen des Seins. Und dies ist Heideggers Standpunkt, Patoèka schließt sich ihm nur an. Die Quelle, von der die Rede ist, ist nämlich das Ganze, das man sich platonisch vorstellen kann. Die Kreise unserer Seele dringen in den Kosmos ein, bis auf dessen Rand, sie dringen in die kleinsten Teilchen unserer Welt ein. Und das alles zusammen ist unsere Seele. Deshalb sagte Herakleitos, dass die Seele nirgendwo ein Ende hat, auch wenn man bis auf das Ende der Welt gehen würde, deshalb behauptet Aristoteles, dass die Seele irgendwie das alles ist. Die Quelle, von der die Rede ist, ist das, was uns mit dem Ganzen der Welt, mit dem Kosmos, mit allem, was denkbar sowie undenkbar ist, verbindet. Und dieser band ist das berühmte legein, dies ist das Zusammenbringen. Von diesem Anfang entsteht erst später logos mit seinen zahlreichen Bedeutungen von heute.

 

Warum ist die Nähe ein solches Problem? Die „entziehende Verbergung“ ist der Kreuzpunkt. Wenn es dazu nicht kommt, dass wir die Verbergung wegziehen, kommen wir nicht zur Wahrheit, die sich selbst als Unverborgenheit gibt. Der Klient muss die Verbergung einsehen, und das ist das Schwerste. Warum? Da er in der Selbstverständlichkeit lebt, dass alles in Ordnung ist. Wie kann ein Alkoholiker seine Sucht begreifen? Nur dann, wer er auf die Mauer stößt, die ihm die Sicherheit eindeutig bringt – du verbirgst es vor sich und vor den anderen. Was kann ein Psychotherapeut machen? Nur das Einzige, diesen Weg zu kürzen, aber er kann es nicht anstelle des Patienten tun. Er kann ihn nur und nur platonisch öffnen, reinschauen lassen, ihn für sein eigenes Zuhören öffnen. Warum? Da das alles zur Selbstheit führt, nicht zur apperzipierten Ichheit. Diese Wahrheiten sind tiefer, als die Wahrheiten der Ichheit, hier geht es um das Selbst, um die Quelle, aus der wir entspringen.

 

Um zur Unverborgenheit zu gelangen, müssen wir zuerst erblicken, wie sich die Unverborgenheit verbirgt. Wir müssen die „entziehende Verbergung“ erblicken! Wir müssen auf die Lüge stoßen als auf das, was sich verbirgt, wir müssen die Verbergung, d. h. den Willen zur Verbergung erblicken. Dies kann man sehr oft bei der Lektüre unserer Zeitungen erleben, bei und in der Tschechischen Republik ganz bestimmt. Die hartnäckige Bemühung, etwas zu verbergen, zeigt sich nur in der Hartnäckigkeit, mit der die Aufmerksamkeit auf andere Skandale gelenkt wird, sie ist in der Bemühung zu sehen, einen tragischen Moment zu bagatellisieren und ihn in eine Banalität umzuändern. So wirkt „das Man“. Wir finden es aber auch im konkreten Leben eines gewöhnlichen Menschen, in einer gewöhnlichen Familie. Die systematische Bildung von Anschein (doxA) ist oft die einzige sinnvolle Erfüllung der Alltage vieler Menschen. Es wird nicht mit Wörtern gelogen, man lügt mit der ganzen Existenz. Der Mensch ist nicht an seiner Quelle, er weiß von ihr nicht, er meint und davon absolut überzeugt, dass die Rolle, die ihm von unbekannten Kräften beigemessen wurde, er selbst ist, dass es seine Selbstheit ist. Aber es ist nicht so!

 

Was ist überhaupt das Wichtigste für die Möglichkeit, in der Wahrheit zu leben? Es ist notwendig von dem sich Erschütternden und über das Erschütterliche zu wissen. In der Normalsprache könnte man behaupten, es sei notwendig, von der Nachtseite des Lebens, davon, woraus man sich nicht befreien kann, davon, wovon alle Religionen leben und immer leben werden, zu wissen. Es ist ein tiefer Erschrecken, der vom ehrlichen Leben nicht zu trennen ist. Dieser Erschrecken ist auch dort, wo der Mensch im Reichtum und in der Macht lebt.

 

Das Interessanteste ist das, dass diese Frage in Platons Der Staat (1939: 353) sehr klar beschrieben ist. Platon erzählt darin davon, wie die Seele aus Hades ins Leben zurückkehrt. In letzter Phase gelangen die Seelen auf ein sonderbares Feld, wo nichts wächst, wo alles in Verborgenheiten geht, es ist ein schreckliches Feld. Platon nennt es LÉTHÉ PEDION. Es ist der Ort des Erschreckens, weil dort alles verborgen ist, es gibt dort nichts, an dem sich die Seele halten könnte. Das Feld des tiefen und unermesslichen Erschreckens passieren die Seelen den ganzen Tag lang und am Abend kommen sie zum Fluss Ameles (sorgenlos). Auch dieser Fluss ist verbergend. Er verdeckt das Sorgen. Wer davon allzu viel trinkt, der ist so sorgenlos, dass er sich nicht an den Erschrecken erinnert, den er erlebte. Dann aber ist er nicht imstande, etwas anderes zu begreifen, als das Seiende um sich herum, dann wird er vom Sein wissen. Denn das Sein ist eben das Nichtige, was erschreckt, das Sein ist das, was dem Tod ähnlich ist.

 

Aber den Tod meidet niemand von uns, es ist notwendig, ihn zu akzeptieren und zu lernen, dessen Erschrecken der Verbergung und der Nichtigkeit zu ertragen. Es ist nicht möglich, das ganze Leben lang den Tod zu verbergen und ihn aus unserer Nähe zu verdrängen, wie es ein Konsummensch macht. Es ist notwendig, dessen Unabwendbarkeit zu akzeptieren. Wer aus dem Fluss Ameles angemessen viel trank, der erinnert sich an die Nichtigkeit von Lethe pedion, der weiß, dass sie zur jeden gegenwärtigen Weile als der Hintergrund gehört, aus dem die „gegenwärtige Weile“ gegenwärtig wird. Deshalb weiß er, dass jede Unverborgenheit nur eine Ausgerissenheit aus der Verborgenheit ist. Die Verborgenheit gehört zur Wahrheit als der Hintergrund, aus dem das Unverborgene gerissen wird. Ein solcher Mensch weiß von der Nachtseite des Lebens, er lernt damit zu leben. Und eben dies können viele derjenigen nicht, die wir Alkoholiker nennen, die Süchtigen aller Art. Sie können nicht den Schrecken akzeptieren. Und dies ist alles, was man dazu zu sagen braucht.

 

Die Unverborgenheit ist nicht die Frage eines Maßes, deswegen spricht Heidegger so oft von einer „entziehenden Vebergung“. Die Verbergung entzieht sich also und enthüllt damit etwas. Was? Sie enthüllt die Möglichkeit der Unverborgenheit, nicht die Unverborgenheit selbst. Die Möglichkeit der Unverborgenheit ist dem Alkoholiker klar, wenn er auf die „Mauer“ stößt, wenn er begreift, dass da etwas nicht richtig ist! Und dieses etwas bezieht sich auf ihn selbst. Es ist die erste Begegnung mit der Nähe seiner eigenen „Selbstheit“, aber auf keinen Fall begegnet er noch seiner eigenen Unverborgenheit. Es geht um ein Wehen (Flatus vocis), nichts mehr! Dieses soll in ihm die Familie, die Nächsten stärken. Ein Alkoholiker ist immer mit der Familie in Verbindung, diese kann ihn auch retten, falls sie gegenüber dem Alkoholismus ihres Mitglieds offen ist und nicht etwas vormacht, aber auch die Familie schwindelt oft etwas vor, weil sie diese Tatsache in ihrer Wahrheit nicht ertragen kann.

 

Zu aletheia gehört immer auch Lethe. Lethe ist der Fluss des Vergessens, das Feld der Verbergung, das schrecklich und ungeheuerlich ist. Zu jeder Unverborgenheit gehört auch das Pendant der Verborgenheit, das eigentlich der Hintergrund ist, der die Unverborgenheit als Unverborgenheit ermöglicht. Es ist notwendig zu verstehen, dass die Unverborgenheit immer aus der Verborgenheit gerissen werden muss, sie gibt sich nicht selbst. Der Stoß in die Mauer der Verborgenheit ist also ein rettender Blitz, Moment, Einsicht, Anfang. A-letheia wird üblich als Un-verborgenheit übersetzt, aber dieses „Un-„ bedeutet etwas Tieferes und Wesentlicheres als das üblich „un“ in der Logik und im üblichen Leben. „Un-“ in aletheia bedeutet etwas Tieferes als nur eine Negation im Sinne der Beschränkung und also einer nachfolgenden Möglichkeit der Determinierung.

 

Es zeigt sich, dass die Wahrheit und das Sein dasselbe sind. Dies ist kein neuer Gedanke, er gehörte Platon, man findet ihn auch bei Descartes und bei vielen anderen. Deshalb ist die Sorge um die Seele, der „Selbstheit“ der Quelle von uns selbst, zugleich die Sorge des Seins. Deshalb spricht Heidegger von der Notwendigkeit zu denken und das Sein zu erkennen. Das Sein ist vom Selbst unwegdenkbar. Deswegen hat Patoèkas Sorge um die Seele immer die Form der Sorge für polis und auch für die Welt als das Ganze. Die Seele ist irgendwie alles, klingt in unserem Gedächtnis die Bemerkung von Aristoteles, deshalb ist die Sorge um die Seele die Sorge der Wahrheit von sicht selbst, die Sorge von polis, des Kosmos als des Ganzen.

 

Deswegen schreibt Patoèkas überall über das Ganze als die Grundlage unserer Bildung, deswegen ist sein arete keine Tugend, sondern die Fähigkeit, das Ganze in alles zu bringen. Deshalb kann ein Spezialist ein sehr ungebildeter und nicht kultivierter Mensch sein, weil er von dem Ganzen nicht weiß, und was am schlimmsten ist, er will nicht einmal davon wissen, er verachtet es. Warum? Da dieses Ganze kein margo, keine Ränder hat, deswegen ist er kein Gegenstand, man kann sich es nicht vorstellen, man kann es nicht definieren. Und so sind für unseren Spezialisten solche Überlegungen überflüssig, irreführend und sogar peinlich.

 

Das Ganze, von dem man hier spricht, kann man nur in der Spannung wesentlicher Fragen teilen, deshalb ist das Fragen die Frömmigkeit des Denkens. Allein in dieser Spannung, in dieser wahren Tension kann man das Ganze erblicken, das dann die Lévinassche asymetrische Verantwortung begründet, die den Menschen, die über unsere Leben entscheiden, so sehr fehlt.

 

Die Verbergung verbirgt sich nur in der Selbstverständlichkeit, deswegen ist die Selbstverständlichkeit immer gefährlich. Deswegen herrscht unter dem Kerzenleuchter die größte Finsternis und niemand ist zu Hause Prophet! Die Enthüllung ist noch keine Unverborgenheit. Die Enthüllung weist nur auf die Verborgenheit hin und hilft damit der Wahrheit, aber die Enthüllung an sich selbst reicht nicht aus. Der Psychotherapeut enthüllt, aber das ist noch wenig. Der Patient muss der Unverborgenheit seines Selbst begegnen. Deswegen reichen gute Methoden zu einer Entdeckung in der Wissenschaft nicht aus. Die Methoden enthüllen nur, und dies nur aus einer bestimmten Sicht, die deren wesentlichen Sinn inhärent ist. Indem wir jungen Adepten Methoden der wissenschaftlichen Forschung beibringen, gründen wir noch nicht die Notwendigkeit, umwerfende Entdeckungen zu machen.

 

Husserl spricht von der Verbindung der Methode und der Intuition. Die Intuition ist die Einsicht in das, was nicht gegenständlich ist. Die Intuition ist die Einsicht in das entstehende und verschwindende Ganze ohne margo, was auch unser Selbst ist. Die Methoden helfen nur die Verborgenheit zu enthüllen. Genauso ist es, wenn man die Flammen eines Feuers löschen will, das schon brennt. Es reicht nicht, die Flammen zu enthüllen, man muss sie löschen. Enthüllen bedeutet dasselbe wie die brennenden Flammen zu sehen, aber das Ziel unseres Tuns besteht im Löschen dieser Flamme. Mit anderen Worten gesagt, zu enthüllen ist wenig, aber es ist sehr wichtig. Das eigene Selbst kennen zu lernen, ist das Schwerste. Wie zeigt sich das Selbst? Es zeigt sich auf dem Hintergrund des Seins, und dieses Sein ist nichts, „Sein nichtet,“ kennt man von Heidegger. Beides hängt miteinander, aber nicht zufällig, sondern wesentlich.

 

Deshalb ist klar, dass das Selbst auf dem Hintergrund eines Systems, einer logischen Konstruktion, auf dem Hintergrund der Biologie, der Physiologie etc. nicht phänomenalisiert. Nur auf dem Hintergrund des Seins, deswegen sind sie beide eigentlich zusammengewachsen. Der wirkliche Dichter ist nur deshalb Dichter, weil das Sein ihn hervorruft. Das Gedicht ist eigentlich die Übertragung des Selbst des Dichters auf das Papier. Deswegen kann niemand aus eigener Entscheidung Dichter werden, deswegen sind alle Schriftstellerschulen nur ein Business. Worte, die dem „Dichter“ aufs Papier gebracht werden, sind Worte, die das Siegels des Seins selbst tragen. Deshalb hatte Heidegger Hölderlin so gern gehabt. Hölderlin ließ sich vom Sein selbst hervorrufen, aber das bedeutet zugleich, von seinem tiefsten Selbst, weil sich dies nur auf dem Hintergrund von Sein selbst phänomenalisiert. Deshalb haben die Worte eine solche heilige Funktion, Wörter sind nicht nur Zeichen mit Bedeutung, Wörter sind Brücken zum Sein, deswegen ist die Sprache das Haus des Seins. Deswegen ist es notwendig, Wörter zu achten und deren Würdigkeit anzuerkennen.

 

Warum ärgert sich der Mensch am meisten wegen Wahrheit? Da dies das Wesen seines Seins gefährdet. Was ist das Wesen seines Seins? Sein Selbst. Mit anderen Worten gesagt, man weiß von seinem Selbst, von seiner Selbstheit! Aber man „weiß“ darüber auf eine besondere Art. Meistens zeigt man dieses seltsame Wissen in seinem Ärger, wenn uns jemand aufgreift und unsere „Kreise“ stört, die wir uns selbst gemacht, geschaffen haben, die wir verteidigen müssen, denn es ist die Vorstellung über unsere eigene Vollkommenheit. Warum versteckten sich die Philosophen immer in den Höhlen, warum suchten sie die Einsamkeit? Warum lebt Zarathustra hoch in den Bergen, wo es eine scharfe und saubere Luft gibt, nur in der Gesellschaft der Tiere?

 

Da es überhaupt nicht geht, mit Menschen, die in der Lüge leben, zu sein. Derjenige, der über sein eigenes Selbst lügt, hasst am meisten diejenigen, die ihn an diese Lüge ob direkt oder indirekt erinnern. Warum starben Sokrates, Patoèka und andere? Deswegen ist die Sorge um die Seele lebensgefährlich. Da diejenigen, die in der Lüge leben, sich nur wehren. Was verteidigen sie? Sie verteidigen deren falsches Selbst, auf dem der ganze komplizierte Bau deren Lebens und des Lebens derjenigen, die davon abhängig sind, beruht. Wahrheit zu sagen, ist tödlich gefährlich. Deswegen ist es sicherer, den anderen dazu nur anzufeuern. Soll er es selbst entdecken. Er wird es sowieso nur dann glauben, wenn er eine apodiktische Evidenz dieser Gültigkeit erlebt, und dies ist nur dann möglich, wenn er es selbst entdeckt.

 

Ein Mythos ist keine Erfindung. Die Sage ist die Antwort auf den Anspruch des Seins. Die Ansprüche des Seins sind eigentlich nur verschiedene Modi der Verbergung der Wahrheit selbst. Die Wissenschaft ist einer davon. Die Unverborgenheit zeigt sich unterschiedlich, aber muss immer aus der Verborgenheit ausgerissen werden. Und dieses Ausreißen ist die Rettung. Die Griechen sprachen vom SÓZEIN (retten). Das Denken rettet die Welt, rettet den Kosmos (die Ordnung). Man denkt nicht deshalb, um besser zu leben, wie uns es die Ökonomen beibringen, man denkt, um die durch den wesentlichen Sinn erfüllte Existenz zu retten. Deswegen gilt: „Ohne den Einblick in das DAIMONION der LÉTHÉ vermögen wir niemals das Erstaunliche zu würdigen.“ (Heidegger 1982: 188)

 

Deshalb kann man auch behaupten: „Der Dichter ruft nicht die Göttin aus, sondern der Dichter ist, bevor er das erste Wort sagt, schon der Angerufene und im Anspruch des Seins bereits Stehende und als dieser ein Retter des Seins vor dem dämonischen Entzug der Verbergung.(Heidegger 1982: 188) Bevor der Mensch ein Wort ausspricht, wird er von der Unverborgenheit getroffen. Warum? Da er gegenüber dieser Unverborgenheit geöffnet ist. Deswegen ist „für einen, der rein ist, alles rein“!

 

SEZNAM LITERATURY

 

HEIDEGGER, Martin. Parmenides. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 1982.

 

PLATON. Der Staat. Stuttgart: Verlag Kröner Alfred, 1939.

 

(Prof. PhDr. Anna Hogenová, CSc., filosofka, zabývá se pøedevším fenomenologickou problematikou. Pùsobí na KOVF UK PedF a je vedoucí Katedry filosofie na UK HTF.)


 
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